Fantasy

Das Meer, seine Gestade und eine Rosenseeschwalbe

Der Weg zu meinem Lieblingsplatz führt über Serpentinen nach unten, zwischen Picconien, Wacholder, Lorbeer, Schilfrohr und rot blühendem Hibiskus hindurch. Immer wieder entdecke ich zu meinem Entzücken einen Baumfarn, Relikte aus erdgeschichtlich frühen Zeiten. Die Blätter der Bäume und Sträucher bewegen sich in der ständigen Brise, der salzige Duft des Meeres wird intensiver. Ich treffe auf einen Holzzaun mit windschiefem Tor, das ich öffne. Vor mir breitet sich ein Felsenplateau aus, dahinter und darunter der Ozean.

Über glatt poliertes schwarzbraunes Gestein klettere ich weiter nach unten zu der besonderen Stelle, vorbei an Vertiefungen, in die ständig Meerwasser schwappt, zusammen mit Krebsen und Fischen in der Größe einer Biene sowie winzigen Muscheln, die in einen Fingerhut passen würden. Ich frage mich, ob sie mit der nächsten Flut zurück ins Meer gelangen. Mir kommt der Gedanken, dass dieser Tümpel eine Art Mutprobe oder Outdoor-Experiment für diese kleinen Meeresbewohner sein könnte. Unwillkürlich schüttele ich den Kopf über mich. Das ist natürlich Quatsch. Ich werfe einen Blick zurück. Hinter mir bohren sich Felsenzacken wie gigantische Finger in den bewölkten, unruhigen Himmel. Zwischen zwei Zacken klettert ein Muschelsammler.

Mit einem wohligen Seufzer wende ich mich wieder dem Meer zu. Als sich nun die Wolken verziehen, glitzern Sonnenstrahlen auf graugrünem Wasser. Gleichzeitig rollt eine gewaltige Welle heran und bricht sich an dem Felsplateau. Zufrieden mit mir, in Balance mit dem Universum lasse mich auf einem Stein nieder und genieße den Anblick. Etwa zwei Meter von mir entfernt sitzt eine Rosenseeschwalbe. Der Vogel sieht zu mir rüber, kreischt kurz auf, dann blickt er wieder aufs Meer – so wie ich. Der Ozean wogt heran, zieht sich zurück, jedes Mal ein wenig anders. Mal spüre ich salzige Spritzer im Gesicht, dann wieder nicht. Auf dem blanken Felsen vor mir hat das Meer einen dunklen Schleier hinterlassen, dem zumindest für einen Moment Kühle entströmt. Da, wo das Felsplateau endet, brechen sich die Wellen. Graue, grüne und blaue Schlieren wirbeln um Gesteinsbrocken. Weiter hinten schimmert es Türkis und Blau.

Die Rosenseeschwalbe erhebt sich, flattert mit den Flügeln, stößt wieder ein Krächzen aus. Etwas verwundert wende ich mich ihr zu, sie fixiert mich. Du bist hier Gast, scheint sie zu sagen, denk immer dran! Dann setzt sie sich und schaut wieder nach vorne. Unwillkürlich nicke ich. Über mich selbst lächelnd folge ich ihrem Blick. Der Wechsel von lautem Tosen und Verebben lullt mich ein. Mir ist so, als würde ich meine Atmung dem Rhythmus des Meeres anpassen.

Nach einem wunderbaren Moment der Selbstvergessenheit beginnt mein Gedanken‑Karussell, sich zu drehen. Natürlich – wie schade! Kein Wunder, dass die Völker, die an Küsten lebten, die gewaltige Kraft des Meeres einem Gott oder mehreren Göttern zuschrieben. Es ist leichter, eine personifizierte Naturgewalt um etwas zu bitten. Außerdem kann über sie erzählt werden. Und Geschichten beleben, erhellen, schaffen Verbindungen, machen alles erträglicher. Womöglich gab es so etwas wie einen Ur‑Gott des Meeres, eine erste Vorstellung dieses Wesens, das in verschiedenen Kulturen unterschiedliche Namen erhielt und …

Ein Donnern übertönt das bisherige Meeresrauschen und reißt mich aus meinem inneren Monolog. Der Felsgrund vor mir wird von einer gewaltigen Woge geflutet. In den Tümpeln kräuselt sich Schaum, der nasse Stein glitzert. Ob der Meeresgott – sagen wir Poseidon, immerhin befinde ich mich auf den Azoren – meine Gedanken gelesen hat und sich nun bemerkbar macht? Die Idee gefällt mir. Ich schmunzele über mich. Immerhin stehe ich zu meinen Schrullen.

Als ein kratzendes, irgendwie unpassendes Geräusch an meine Ohren dringt, wende ich mich einigermaßen verdutzt um. Der Muschelsammler kommt auf mich zu. Etwas an ihm ist befremdlich. Der Neoprenanzug schimmert grün, nicht schwarzgrau. Auch ist der Mann deutlich größer als die Männer der hiesigen Bevölkerung und nicht dunkelhaarig. Das blonde Haar trägt er in einem Dutt auf dem Kopf. Wie eigenartig. Als er näherkommt, erkenne ich, dass er mich ansieht. In dem wettergegerbten Gesicht leuchten die Augen in einem irritierenden Blaugrün. Über einem kurzen Kinnbart ist der Mund zu einem leicht spöttischen Lächeln verzogen. Die Rosenseeschwalbe stößt ein Krächzen aus. Es klingt überrascht, aber auch erfreut – irgendwie. Meine Verwunderung weicht einer gewissen Unruhe. Was will der Mann?

„Schöner Tag!“ Seine nicht zu tiefe Stimme passt zum Meeresrauschen.

Aha, denke ich. Kein einheimischer Muschelsammler, sondern ein deutscher Tourist. Bestimmt kommt er aus meinem Hotel, von dem der Weg hierherführt. „Ja“, stimme ich zu.

„Die Faszination, die das Meer auf die Menschen seit Urzeiten ausübt, ist an allen Gestaden dieselbe.“

Habe ich mich verhört? Hat dieser blonde Hüne im grünen Neoprenanzug das wirklich gerade gesagt? Mir wird ganz komisch zumute.

„Namen und Geschichten sind unterschiedlich, je nach Ort, Sitten und Eigenarten der Völker“, fügt der Blonde hinzu. Zur Untermauerung breitet er die Arme in weitem Bogen aus.

Eine neue Woge braust heran, eine Gruppe Möwen zieht kreischend über uns hinweg. Die Rosenseeschwalbe bekundet krächzend ihre Zustimmung. Übersetzt in eine etwas modernere Ausdrucksweise meint er wohl, dass sich ein Götterpantheon und die Mythologie eines Volkes abhängig von geographischen Bedingungen und der damit zusammenhängenden Alltagskultur entwickelt.

„An diesen Gestaden wurde ja wohl Poseidon verehrt“, höre ich mich sagen. Was ist nur in mich gefahren? Einem Impuls folgend stehe ich auf. So fühle ich mich nicht so klein. Aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass die Rosenseeschwalbe zu mir aufsieht.

Das Lächeln im Gesicht meines Gegenübers vertieft sich. „Er und seine Sippschaft“, erklärt er wohlwollend.

„Welche Sippschaft?“, frage ich. Innerlich beginne ich zu beben. Das passiert, wenn ich ein Abenteuer oder eine Erkenntnis wittere.

„Nereus, die Nereiden …“ Seine Erwiderung klingt ein wenig verträumt, den Blick richtet er jetzt aufs Meer.

Ohne zu überlegen, aus dem Bauch heraus, hake ich nach. „Und wie ist es mit den anderen Gestaden?“ Dass meine Stimme vor Aufregung leicht zittert, stört mich, aber daran kann ich nichts ändern.

Eine Weile schweigt er. Schließlich seufzt er tief und wendet sich mir wieder zu. Die Farbe seiner Augen wechselt zu einem satten Türkis. Mir wird schwindlig.

„Ein anderer Name, andere Sippschaften und andere Geschichten“, raunt er mir zu.

Ob ich meiner Wahrnehmung trauen kann, weiß ich nicht. Mir kommt es gerade so vor, als würde sich sein Gesicht verändern, als würde es breiter und heller, sodass es weniger dem klassisch griechischen Ideal entspricht. Als sich sein Dutt nun löst und das Haar nicht etwa offen, sondern in mehreren geflochtenen Zöpfen herabfällt, verschlucke ich mich. Die Rosenseeschwalbe flattert aufgeregt mit den Flügeln und stößt erfreute Laute aus. Also das ist sogar mir zu heftig.

Mit einem Blick nach unten bemerkt er: „Einige haben sehr schöne Füße.“

Nach Luft japsend frage ich mich, was hier gerade geschieht. Die Geschichte von Njörd, dem Meeresgott der nordischen Mythologie, und von Skadi, Göttin der Berge und des Winters, habe ich vor nicht allzu langer Zeit bei einem schamanischen Retreat gehört. Seitdem fasziniert sie mich auf eine Weise, die mich immer wieder, gelinde gesagt, irritiert. Loki, der Trickster der nordischen Götter, versprach dem Riesen Tjassi, die schöne Idun für ihn zu entführen. Das tat Loki, weil Tjassi ihn in Gestalt eines Adlers in seinen Fängen hielt und über den Boden schleifte. Dass er sich durch die ihm eigene Tücke in diese Lage gebracht hatte, ist wiederum eine andere Geschichte. Er verhalf Tjassi zu Idun, musste die Göttin aber auf Geheiß der Asen zurückholen, was ihm mit Hilfe von Freyas Falkengewand gelang. Er verwandelte Idun in eine Nuss und hielt sie in seinen Klauen.

Bevor der zornige Tjassi, wiederum in Gestalt des Adlers, den Wall von Asgard überwinden konnte, töteten ihn die Asen. Daraufhin schwor seine Tochter Skadi Rache und erschien in voller Rüstung vor den Toren von Asgard. Die Asen jedoch wollten keinen Streit mit ihr. Deshalb gingen sie auf Skadis Forderung ein. Die junge Riesin wollte zum Lachen gebracht werden. Das gelang den Asen. Außerdem boten sie Skadi an, einen der ihren zum Mann zu nehmen. Allerdings durfte sie bei der Auswahl nur die Füße sehen. Damit war Skadi einverstanden. Sie wollte Baldur und ging davon aus, dass die in ihren Augen schönsten Füße zu dem Gott des Frühlings gehörten. Doch es war Njörd, den sie erwählte.

Nachdem ich mehrere Versionen dieser Göttersage gelesen habe, erscheint es mir so, als wären sich die beiden doch sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten, der Meeresgott und die Göttin der Berge, wider Erwarten recht zugetan gewesen. Sie vereinbarten, neun Tage gemeinsam am Meer zu leben und dann neun Tage im Gebirge. Doch das funktionierte nicht. Zu sehr hingen beide an ihrer, sagen wir, ureigenen Umgebung, bis hin zu den Geräuschen und Stimmungen.

„Ja“, sagt der Blonde leise. Eine sanfte Böe kommt auf. „Ein Jeder ist eigen auf seine Weise.“ Seine Stimme ist nicht mehr als ein Flüstern, auf das die Wellen mit einem Wispern antworten.

Mir ist so, als würde mir der Boden unter den Füßen wegrutschen, während mein Herzschlag in meinen Ohren dröhnt. Kann es sein, dass der Blonde meine Gedanken liest? Tief atme ich durch. Der Felsen unter meinen Füßen ist wieder stabil, mein Herz schlägt ruhig. „Die Berge sind nicht so deins?“, frage ich vorsichtig und wundere mich im nächsten Moment über mich selbst.

Der Blick, den er mir zuwirft, fesselt mich. Seine Augen schimmern nun tiefblau und ein wenig feucht. Ganz kurz erscheint das verschwommene Bild einer schlanken braunhaarigen Frau, die neben einem Wolf auf einer Bergspitze steht. Auch sie sieht mich direkt an. In ihren Augen erkenne ich denselben Ausdruck: Sehnsucht und eine stille Traurigkeit. Im nächsten Moment ist das Bild verschwunden.

„Nein!“ Seine Stimme klingt hart.

„Was ist mit, nun ja, inniger Zuneigung?“ Mir ist bewusst, dass ich gerade so tue, als wäre die Geschichte von Njörd und Skadi eine Tatsache, ganz zu schweigen davon, welche Identität ich dem Blonden zuschreibe.

„Genügt nicht immer“, wispert er. Die Rosenseeschwalbe gibt einen klagenden Ton von sich.

Wieder erscheint eine Szene vor meinem geistigen Auge. Skadi läuft mit den Wölfen. Njörd wandert an einer Küste entlang in Begleitung von Rosenseeschwalben. So ist das nun mal bei mir. Die Sagen der nordischen und germanischen Mythologie berühren mich mehr als das Griechisch-Römische, das Ägyptische und alles andere. Dabei ist es keinesfalls so, dass andere Mythologien mit ihren Göttern und Geschichten mich weniger interessieren und faszinieren würden. Ganz und gar nicht! Aber das Germanisch-Nordische erzeugt bei mir einen Widerhall, ein Echo aus der Tiefe. Es stößt auf – nun ja – Resonanz.

„Welche Geschichte erzählst du mir?“, frage ich ein wenig hilflos.

„Meine.“

„Wer bist du?“

„Einer, der das Meer liebt.“

„Nicht von hiesigen Gestaden?“

„So ist es. Seit Urzeiten ist es das gleiche Meer. Es grenzt an unterschiedliche Landschaften. Die Steine erzählen unterschiedliche Geschichten.“

Vor meinem inneren Auge zieht eine raue Meeresküste vorbei, gefolgt von Mischwäldern, hellgrünen Wiesen und blühenden Feldern. Ein Blick zu ihm verrät mir, dass er das Gleiche sieht.

Wir haben diese wenigen Sätze gewechselt, aber die eigentliche Verständigung findet auf einer tieferen Ebene statt, allerdings nicht telepathisch. Vielmehr ist es so, dass es keiner Worte bedarf. Diese Verbindung zu beschreiben, fällt mir schwer. Der Versuch führt unweigerlich dazu, dass das Ganze ein wenig lächerlich klingt. Die irgendwie archaische Verbundenheit ist kaum zu fassen, aber sie ist vorhanden. Am ehesten ergibt es noch Sinn, zu sagen, dass wir auf einer Wellenlänge schwingen und unsere energetischen Felder sich überlappen – natürlich nicht vollständig.

„Warum berührt mich das, was du sagst, so sehr?“, frage ich leise. Er soll es einmal aussprechen; ich will es hören.

„Wir sind von den gleichen Gestaden.“

Vor Freude möchte ich jauchzen. Ein geradezu unvernünftiges Glücksgefühl macht sich in mir breit. Die Rosenseeschwalbe fliegt hoch, hält sich aufgeregt flatternd einen Moment knapp vor meinem Gesicht in der Luft. Dann setzt sie sich auf die Schulter des Blonden. Für einen Moment schließe ich die Augen und genieße mit allen Sinnen: die Geräusche, den Geruch und das wohlige Gefühl.

Als ich die Augen öffne, bin ich allein. Bevor mich die Enttäuschung überwältigt, schaue ich zurück. Ein Mann im Neoprenanzug geht zügig auf die hohen Zacken zu. Auf seiner Schulter bewegt sich etwas. Es scheint ein Vogel zu sein.

© Carolin Olivares

(Juni 2026)