Magische Orte, Teil 1

Lektorat Carolin Olivares

Fantasy besticht und bezaubert die Leser durch eine aufregende, komplex gewobene Geschichte, die in einer magischen Gegenwelt spielt. Die Helden müssen nicht nur einen äußeren, sondern auch einen inneren Kampf bestehen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Eingebettet sind die Heldenreisen in den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Dass die Völker, die diesen Kosmos bewohnen, einen Großteil der Faszination ausmachen, steht außer Frage.

Aber wie steht es mit Orten, Stätten und Plätzen in diesen magischen Universen? Es lohnt sich, auch einmal über sie nachzudenken, eignen gerade sie sich doch vorzüglich als Stimmungsmacher. Dabei fällt etwas auf.

Beutlingen, Bruchsal und Lothlórien sind wahrhaftig fantastische Orte, jedoch unterscheiden sie sich deutlich. Die Frage ist: worin? Natürlich spielt die Funktion eine Rolle. Bilbos Wohnhöhle hat von Vornherein ein kleineres Format als Herrn Elronds Salon oder gar das schönste Reich der Elben in Mittelerde. Aber es steckt noch mehr dahinter. Ich meine, dass es unterschiedliche Stufen des Fantastischen gibt. Je höher die Stufe, desto fremder im Vergleich zur realen Welt. Aber alle Orte erinnern an etwas unserer Wirklichkeit, bringen etwas in uns zum Klingen.

Um mir einige dieser Stätten anzuschauen, unternehme ich einen Streifzug nach Narnia, Mittelerde und Tiranorg. Meine Auswahl ist willkürlich und subjektiv, die Kategorisierung in gute und böse Orte interessiert mich nicht. Womit ich mich befasse, ist die Wirkung und der Grad des Fantastischen.

Das Heim

Lucy fühlt sich in der Wohnhöhle von Herrn Tumnus, einem Faun, bei einer Tasse Tee außerordentlich wohl. Im Dauerwinter, den die weiße Hexe über Narnia gebracht hat, gibt es nichts Schöneres als eine gemütlich eingerichtete Wohnung mit vielen Büchern. Lucy mag sich auch deshalb geradezu heimisch fühlen, weil in diesem Ambiente ohne Weiteres der englische Fünf‑Uhr‑Tee serviert werden könnte. Auch lässt das Bildungsbürgertum grüßen.

„Lucy hatte nie zuvor einen reizenderen Ort gesehen. Es war eine kleine, trockene, saubere Höhle aus rotem Stein. (…) Es gab einen Tisch und eine Anrichte und ein Kaminsims über dem Feuer. Darüber hing das Bild eines alten, graubärtigen Fauns.(…) An einer Wand stand ein gefülltes Bücherregal.(…) Sie fand Titel wie: Leben und Briefe des Silenus, Der Lebenswandel der Nymphen oder Menschen, Mönche und Wildhüter.“(Lewis: Die Abenteuer im Wandschrank 1959, 15)

Dass Herr Tumnus Lucy verraten wird, ist eine andere Geschichte, dass er es später wieder gut macht, eine weitere.

Bilbo Beutlins Höhle in Hobbingen im Auenland vermittelt mehr als gepflegte häusliche Gemütlichkeit. Ein wesentlicher Bestandteil der Kultur der Hobbits ist ihr Sinn für Gemeinschaft sowie ihre Freude an gutem Essen und Festen. Beim Lesen stellen sich leicht Bilder ein von Familien, die gemeinsam ihren Alltag bewältigen, von Treffen mit Freunden und von guter Nachbarschaft. Der Hang der Hobbits, gut und reichlich zu speisen, sich dazu einen ordentlichen Humpen Bier zu genehmigen, schafft mitunter eine gewisse Vertrautheit zwischen Hobbits und Lesern.

Auch die Große Buche, in der Loglard de Valon, der Hohe Lord Gwyneddions, lebt, ist ein Heim. Aber sie ist von anderer Art, insgesamt einige Nummern größer als eine Faun- oder Hobbithöhle. Da der Herrscher der Waldelfen auch ein mächtiger Magier ist, steckt die Große Buche voller Zauber und Überraschungen. Außerdem dient sie gleichzeitig als Residenz, ist also von Vornherein imposanter.

Loglards Geliebte, die Graselfe und Schwertmeisterin Esmanté d‘Elestre, erlebt die Magie des Ortes, als sie die Buche zum ersten Mal betritt.

„Erst als wir nur noch eine Handbreit davorstanden, erschien aus dem Nichts eine Tür ohne Klinke. Noch ehe ich fragen konnte, wie sie geöffnet wurde, schwang sie auf Loglards Handzeichen von selbst auf. Wir traten ein. Der kräftige Duft nach Baumrinde und Moos stieg mir in die Nase. Neugierig blickte ich mich um. Vor uns schraubte sich eine Wendeltreppe nach oben. Jenes anheimelnde Licht, das ich von der Höhle kannte, erfüllte den hohen Gang.“ (Brivulet 2018: Tiranorg I, 83)

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